Was heißt hier Atomausstieg?

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Situationen, bei denen die Katastrophe mal wieder ganz nah war.

VON MARGIT KAUTENBURGER

Hamburg. Wenige Wochen ist es erst her, da rammt vor der Ostseeinsel Rügen ein russischer Frachter eine britische Segeljacht. Die herbeigeeilten Helfer von der Seenotrettung treffen keinerlei Schutzmaßnahmen. Sie ahnen nicht mal, wie brisant diese Kollision ist. Dabei hat das russische Schiff, die "Mikhail Lomonosov", eine hochgefährliche Fracht an Bord: Sie ist voll beladen mit radioaktivem Material.

Die Gronauer Bürger freuen sich über Spenden

Alles geht noch einmal gut. Die Kollision verläuft glimpflich, der Frachter kann seine Fahrt nach Hamburg fortsetzen. "Aber nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn statt der Jacht ein großes Schiff in die Quere gekommen wäre", sagt ein Sprecher der Gruppe SAND, der lieber anonym bleiben will. Die Gruppe beobachtet Schiffe wie die "Mikhail Lomonosov" seit Langem. Sie weiß, dass der Eigner, die russische Reederei NSC, atomare Stoffe über die Meere fährt - darunter auch das hochgiftige Uranhexafluorid (UF6).

Doch wo geht die gefährliche Fracht eigentlich hin" Ziel sind vor allem zwei Atomanlagen in Norddeutschland: die Urananreicherungsanlage im nordrhein-westfälischen Gronau und die Brennelementefabrik im emsländischen Lingen. Trotz des Ausstiegs aus der Atomenergie haben beide Anlagen weiterhin eine unbefristete Betriebsgenehmigung. Kritiker wie Dirk Seifert von der Umweltorganisation Robin Wood halten das für widersinnig. "Der deutsche Atomausstieg ist wenig glaubwürdig, wenn zwar Reaktoren abgeschaltet, aber gleichzeitig atomarer Brennstoff für die ganze Welt in Deutschland produziert wird", sagt er. Für Seifert ist die Urananreicherung, bei der auch waffenfähiges Material hergestellt werden könnte, ein "durch und durch dreckiges und verantwortungsloses Geschäft".

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Auch die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen würde die Urananreicherung in Gronau nach Fukushima am liebsten beenden, wurde vom Bund aber gestoppt. Eine Stilllegung aller kerntechnischen Anlagen hielt man im zuständigen Wirtschaftsministerium bislang für "nicht angezeigt". Das auch militärisch nutzbare Know-how des Betreibers der Anlage, des Unternehmens Urenco, gilt als kostbares Gut, als ähnlich wertvoll gelten die 300 hochqualifizierten Arbeitsplätze. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich diese Einschätzung in der Großen Koalition ändert.

Urenco sieht den Vorstoß der Landesregierung denn auch gelassen. "Ein von Nordrhein-Westfalen selbst in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten zeigt, dass es keine Handhabe zur Stilllegung gibt", sagt Unternehmenssprecher Chris Breuer. Sicherheitstechnisch, das musste die Landesregierung einsehen, ist der Fabrik der Betreiberfirma Urenco nicht beizukommen. Sie hat 2012 den Stresstest bestanden, Experten des Bundes bescheinigen ihr einen hohen Standard. Nur über eine Änderung des Atomgesetzes könnte die Urananreicherung gestoppt werden. Ein entsprechender Antrag des Landes liegt im Bundesrat auf Eis.

Gronau ist das Ziel der meisten UF6-Transporte in Deutschland. Urenco verarbeitet das radioaktive und hochgiftige Material in Zentrifugen zu angereichertem Uran, aus dem sich Brennstoff für Atomkraftwerke herstellen lässt. Jeden Tag erreicht zurzeit ein Lastwagen die Anlage im Münsterland, die rund 35 Atomkraftwerke weltweit beliefert.

Udo Buchholz macht das Angst. Buchholz ist direkter Nachbar der Fabrik. "Seit 30 Jahren habe ich miterlebt, wie das Uranmonster immer größer geworden ist", sagt der inzwischen ergraute Aktivist. Für die Sicherheitskräfte von Urenco ist er ein lästiger Bekannter. Wenn er wieder einmal mit Journalisten am Zaun der Anlage auftaucht, reagieren die Aufpasser gereizt. "Dann ist schnell die Polizei da", erzählt Buchholz. "Aber nicht ich bin die Gefahr, sondern das, was auf dem Gelände lagert."

Rund 40 000 Behälter mit UF6 stehen dort unter freiem Himmel, eine Zwischenlagerhalle für weitere 60 000 Tonnen soll im kommenden Jahr in Betrieb gehen. "Wenn dort etwas passieren sollte, ist das nicht beherrschbar", befürchtet Buchholz. Er denkt dabei an einen Flugzeugabsturz, gegen den die Fabrik nicht gewappnet sei, einen möglichen Terroranschlag oder einen Brand auf dem Gelände. Würde dabei UF6 frei, könne das für Menschen in der Umgebung tödlich enden. Experten stufen Uranhexafluorid als einen der gefährlichsten Stoffe überhaupt ein. Behälter, in denen UF6 transportiert und aufbewahrt wird, seien dennoch weniger robust als Castor-Behälter, warnt der Physiker Wolfgang Neumann vom Beratungsbüro Intac in Hannover. Einem Feuer hielten sie nicht länger als eine halbe Stunde Stand. Uranhexafluorid wird schon bei 56 Grad gasförmig und breitet sich dann rasch aus. In Kontakt mit Wasser entsteht die extrem aggressive Flusssäure. "Flusssäure verätzt die Lungen, zerfrisst sogar Glas", warnt Neumann.

Trotz der Gefahren stehen viele Gronauer Bürger hinter der Urananreicherung. Die Stadtverwaltung freut sich über Steuereinnahmen in Millionenhöhe. Fußball- und Karnevalsvereine, Bibliotheken, Kitas und Schulen profitieren von großzügigen Spenden der Firma Urenco. Das Unternehmen signalisiert Verständnis für die Ängste der Anwohner, verweist aber auf die international anerkannten Sicherheitsstandards der Behälter. Auch die Anlage habe beim Durchspielen unterschiedlicher Katastrophenszenarien wie Überschwemmungen oder Erdbeben "überall das höchste Level erreicht", betont Unternehmenssprecher Breuer. Die Sorge, auf dem Gelände wachse in aller Stille ein gigantisches Atommülllager heran, sei unbegründet. In der neu entstehenden Halle werde Uran in fester Form als Uranoxid gelagert. So könne es, das bestätige auch die Landesregierung, unproblematisch für längere Zeit aufbewahrt werden - bis ein Endlager in Deutschland fertig ist.

Die Einsatzkräfte wissen nicht, was sie da löschen

Doch auch dem niedersächsischen Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) bereitet Urenco Unbehagen " wird das Produkt der Firma doch in Niedersachsen weiterverarbeitet. Die etwa 60 Kilometer von Gronau entfernte Brennelementefabrik ANF in Lingen presst daraus Brennstofftabletten und exportiert diese in die ganze Welt. Dagegen habe er keine Handhabe, räumt Wenzel ein. Der Grünen-Minister will aber dafür sorgen, dass zumindest die Information der Sicherheitskräfte über diese Transporte verbessert werden. "Es ist ungeheuer wichtig, dass die für den Katastrophenschutz zuständigen Landkreise Bescheid wissen", sagt Wenzel. Es sei höchst bedenklich, dass Daten zu Atomtransporten erst im Nachhinein bekannt gegeben würden, wie es eine Weisung des Bundesumweltministeriums vorsehe. Wenzel hat einen Vorstoß zur Informationspflicht unternommen, der zurzeit in Bund-Länder-Gremien beraten wird. Wie dringend sein Anliegen ist, zeigt ein Unfall im Hamburger Hafen am 1. Mai dieses Jahres. Dort war ein mit UF6 beladener Frachter in Flammen aufgegangen und hatte die ganze Nacht über gebrannt. Die Feuerwehr konnte nicht angemessen reagieren, weil sie über die gefährliche Ladung nicht informiert war. In der Nähe des Hafens aber feierten Tausende Gläubige den Kirchentag. Die Stadt schrammte wohl nur deshalb an der Katastrophe vorbei, weil ein Großteil der Ladung offenbar schon vor Ausbruch des Feuers gelöscht worden war.

Quelle: WLZ vom 3. Dezember 2013

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